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Wie Wirtgen Windhagen globalisierte

wirtgen1. Winteraktivität 2012

Ins Familien-Wappen der Wirtgens gehört nach meiner Vorstellung die „kleine Steinlaus". Dieser von Loriot beschriebene Nager braucht täglich 28 Kilo Beton, das Weibchen in der Schwangerschaft das Doppelte. Loriots Phantasie aber bleibt lausig zurück hinter der Vision eines Reinhard Wirtgen. Er kannte gegenüber den Silikaten dieser Welt nur eine Devise: muss von Wirtgen-Maschinen umgeformt werden.

Es ist gar nicht so lange her, da feierte man 50 Jahre Wirtgen mit einem „Tag der offenen Tür". 17tausend Besucher durften am 5.Juni 2011 auf dem 320tausend-Quadratmeter-Gelände in Windhagen staunend herumgehen. Sonst aber ist es ein hohes Privileg, einmal in diese Welt der Hochtechnologie einzutauchen. Das konnte uns einer von uns verschaffen: Hans Buchmüller. Er war 39 Jahre lang Chef der Personalabteilung in dieser Firma, die bei aller Weltmarktführer-Rolle im Selbstverständnis mittelständisch geblieben ist. Wie der Gründungsvater zu sagen pflegte: „ein Mitarbeiter muss die Wirtgen-Hosen anhaben."

Einer, der nun wirklich zum „Wirtgen-Urgestein" gehört, Helmut Hecking, Ausbildungsleiter, begrüßte uns. Vor dem obligaten Film mit dem olympischen Motto „größer, weiter, weltumspannender" streifte er die Firmengeschichte. Danach muss man sich die Gründung einer kleinen Klitsche auf der grünen Wiese durch den 18jährigen Reinhard Wirtgen wie die Anfänge von Bill Gates in der Garage vorstellen. Wobei Wirtgen senior immer das Zertrümmern mit dem Gedanken von Recycling zu verbinden wusste. 1997 (Vater Wirtgen hatte schon die Vögele Ag, Mannheim, gekauft und war zur Nummer Eins bei mobiler Asphaltverarbeitung geworden) war das Schicksalsjahr. Reinhart Wirtgen verunglückte tödlich mit dem Auto. Seine Söhne Jürgen und Stefan mussten übernehmen und taten dies, berühmt werdend als „die Asphalt-Brüder". Jedoch, so Helmut Hecking, dürfe man die Rolle von Gisela Wirtgen, der Witwe, nicht unterschätzen. Heute vereint die „Wirtgen Group" außer der Kernzelle in Windhagen in sich die Vögele AG (Mannheim), die Hamm AG (Tirschenreuth) und Kleemann GmbH (Göppingen). Internationale Produktionsstätten sind in Langfang (China), Chamberburg (USA) und Porto Allegre (Brasilien).

Es war Zeit, die signalfarbenen Warn-Westen für einen Rundgang durch die Produktionshallen überzustreifen. Unserem Bärenführer war versichert worden, dass wir (obwohl winterentwöhnt) die Ausdauer einer 18-Loch-Runde mitbrächten. Die brauchten wir dann auch. Nur ein paar Impressionen unter all den zu bestaunenden Superlativen mit 46 Maschinentypen auf 22tausend Quadratmeter überbauten Flächen: die Pulverbeschichtung der Giganten. Die lautlose und gespenstisch schnelle Arbeit der stahlschneidenden Laser. Die selbst in härtesten Produktionsprozessen spürbare Ordnung und Sauberkeit. Die Gelassenheit der Wirtgen-Mitarbeiter. Ja, dies ist analoge Hochtechnologie. Aber mit elektronischer Steuerung, so dass es ein wenig bedauernswert war, dass wir den zentralen CAD-Raum schon verlassen fanden. Diese Zauberer heben eine riesige Hochleistungs-Kaltfräse an, drehen sie um und schauen mal nach, ob unten noch eine Schraube einzufügen ist.

wirtgen
Eine von zwei Gruppen

Wer unter uns bisher glaubte, wir (auf der anderen Seite der Autobahn) seien es, die Windhagen auf die Landkarte gebracht hätten, mit der leicht lügnerischen Behauptung, im Siebengebirge zu sein, muss einsehen: Wirtgen war's, mit Firmenzentrale in der Reinhard-Wirtgen-Straße 2, ein „global player". Der noch immer wachsende Gigant, der allerdings auf jeden Fall in Rheinland-Pfalz bleiben will, könnte sich noch in Richtung Stockhausen ausweiten. Und Wirtgen hat noch vielversprechende Pläne für eine Akademie. Das könnte die wichtigste Frage der Zukunft mitsteuern: wie kommen wir zu unserem Nachwuchs?

Zwei Dinge wurden mir bei dieser Besichtigung klar. Erstens: es gibt wohl in der Tat einen deutschen Genius der Hochtechnologie, der für die Welt Exportgüter zu schaffen versteht, für die bei aller Konkurrenz (China!) die Dinge noch gut stehen. Zweitens: Es muss ein Geheimnis der Menschenführung geben, die ein Wir-Gefühl schafft, die zum höchsten Kapital einer Firma gehört. Wirtgen hat keinen Betriebsrat.

Wofür ist ein Wirtgen bereit, sein Geld auszugeben? Wenn einer von uns das nächste Mal an der 15 abschlägt mit solchem Slice, dass der Ball rechts im Wald verschwindet, dann soll er mal (nach dem Fäkal-Fluch) dem verlorenen Ball hinterherschauen (hoffnungslos!). Er sieht auf endlos scheinender Strecke als Waldgrenze einen hohen Zaun mit Rechteck-Geflecht, der jagdbare Tiere daran hindert, wegzulaufen. Wenn er dann sich ausrechnen lässt, was Rechteck-Zaun für sein Grundstück kostet und noch einmal die Ausmaße des Jagdzauns vergleicht, dann hat er eine kleine Vorstellung. Das halblaut geraunte Wort: „'mal sehen, was dieser Wirtgen sich alles von unseren verlorenen Bällen leisten konnte", war wohl mehr in der Rubrik „Verlust der perspektivischen Wahrnehmung".

Bodo Pipping