Reich mir die Hand, Vergangenheit
2. Winteraktivität 2012
Niemand kann ergründen, woher der Reichtum des „Landschaftsverbands Rheinland" kommt. Aber wenn der wie der reiche Onkel ist und das arme Kind „Rheinisches Museum" an die Hand nimmt und mit 70 Millionen Euro zum heutigen Glaspalast in der Colmantstraße in Bonn ausbaut – wer wollte da meckern? Ohnehin wird keiner den korrekten Namen „LVR LandesMuseum Bonn für Archäologie, Kunst und Kulturgeschichte" in seiner ganzen Pracht aussprechen.
Die Museums-Idee, einst vom Preußen Hardenberg angestoßen als Antiquitäten-Sammelpunkt, war selbst museal geworden. Die Zerstörung im 2. Weltkrieg war ein verkappter Segen. Was da bis 1997 (der Umbau zog sich dann bis 2003 hin) als „Rheinisches Museum" vegetierte, war so dröge wie der Name. Aber jetzt steht da etwas wahrhaft Sehenswertes. Es bedurfte nur noch der Lotsenkunst unseres Dietmar Schulte, uns dahin zu bringen, und um gewiss den einen oder anderen sogar süchtig nach weiterer Erkundung zu machen.
Besonders, weil Dietmar auf etwas felsenfest bauen kann: auf die Cicerone-Künste seiner Tochter Sabine Schulte-Fochem. Sie führte uns schon durch das Beethoven-Haus (nachzulesen auf unserer Seniorenseite mit Such-Stichwort „Beethoven": 3. Winteraktivität 2008). Diesmal ging es um einen Ariadnefaden für das Rheinische Museum. Und wenn man je einen brauchte, so war's hier.
Nach einer anschaulichen Darstellung, wie weit die Geschichte der Menschheit von Gnaden der Eiszeiten ist, waren wir beim Prachtstück: dem seit 1877 im Museum verwahrten Fossil „Neandertal1". Vier Jahre vor Darwins „Entstehung der Arten" klassifiziert als Frühmensch, war dies ein Skandal gegenüber der biblischen Schöpfungsgeschichte. Irgendwie kam der Neandertaler in der Phantasie viel herum. Der Bonner Anatom Meyer bescheinigte ihm 1856 ein mühsames Leben mit ständigen Sorgenfalten bei ausgeprägtem Überlebenswillen (der gebrochene rechte Arm). Erst wollte man dieser einzigen in Europa entstandenen Menschenform die Verbindung zu „homo sapiens" völlig absprechen. Neuere Forschungen an den Mitochondrien (Zellkraftwerken) widerlegen das.
Aber in Wahrheit verneigen wir uns wohl vor dem Neandertaler, weil er die Dezenz hatte, gänzlich auszusterben. Wir anderen überziehen inzwischen den Planeten im Ausmaß von 7 Milliarden Exemplaren.
Weiter ging es auf der Zeitachse rasend schnell, aber immer mit dem Nenner „rheinischer Fundort". Die erste Bestattung mit Hund-Beigabe (Altsteinzeit/Bonn-Oberkassel). Ein Weihaltar für die „Aufinischen Matronen" (164 n. Ch.), gefunden unter dem Bonner Münster, Beleg für die religiöse Toleranz der römischen Eroberer: solange Ihr Jupiter grüßt, glaubt, was Ihr wollt. Ein Würfelturm aus dem 4. Jhdt. n.Ch. (Kreis Düren): Schummler werden entdeckt durch eine Glöckchen-Automatik. Ein Bernstein-Kollier (3. Jhdt. n.Ch., Fundort Hambach-Niederzier) als Beleg für die globalen Handelströme der Römer und der Hochachtung für das „Gold der Ostsee".

Und schon hatten wir unsere Zeit überschritten. Ein sehr junger Rheinländer namens Clemens forderte seine Rechte von Mutter Sabine ein. Zeit für den Ausklang im Museums-Bistro. Eine zweite Gruppe wird am 28. Februar kommen und staunen, wie lebendig Begegnung mit den Spuren rheinischer Vergangenheit sein kann. Wenn man die richtigen Mittler hat.
Bodo Pipping



