2. Winteraktivität 2011
Die Spur der Dom-Steine
Nennen wir ihn Orpheus Meißner. Für Ariadne wäre er zu unverkennbar unser Dietrich. Aber Fäden hätte er schon verteilen können, als er uns in die Labyrinthe unter dem Kölner Dom schickte. Stattdessen gab er den drei Senioren-Kolonnen, die sich in die Unterwelt begaben, drei Führer mit. Einmal waren die drei Senioren-Gruppen, die da die Ausgrabungswelt erkundeten, so weit auseinander und doch noch in Sichtweite, dass es eines verdammt guten Treibschlages bedurft hätte, um die Entfernung zu überbrücken. Eines Schlages, der allerdings tief und kunstvoll um Pfeiler aus Generationen von Dombauherren herum hätte gehen müssen.
Der Dom zu Kölle wurde im 2. Weltkrieg von 14 schweren Fliegerbomben getroffen. Er steckte dies so gleichmütig weg wie seine Nutzung als Futter-Lagerhaus nach den napoleonischen Wirren von 1749 bis 1801.
Das Gefühl, hier sei schon immer eine der größten christlichen Bauwerke gewesen, seit um 313 n.Ch. ein Bischof Maternus erstmals hier wirkte, wird mehr durch die Ausgrabungen untermauert als durch die verbürgte Chronik. Und die Geschichte dieser Ausgrabungen begann erst im Mai 1946. Kaum 65 Jahre später sind wir wieder bei Orpheus Meißner. Es ist neun Stunden, nachdem die Domschweizer aufgesperrt haben. Und wir sind privilegiert, in eine Welt unter dem Dom einzudringen (die Voraussetzung, älter als 16 zu sein, musste nicht weiter überprüft werden).
Wie auch immer die geschichtlichen Abschnitte des Gesamtkunstwerks Dom abliefen: es muss einen Masterplan gegeben haben. Und zugleich einen Drang aller Dombau-Herren, die Fundamente 10fach so sicher zu machen für das darüber aufragende Gewölbe als erforderlich. Wir stapften herum in einer der erdbebensichersten Regionen durch die schiere Masse der Schichten aus Kalk und Basalt. Als wir alle am 13. April 1992 durch ein 5,9-Erdbeben aus dem Schlaf gerissen wurden, blieb der Dom unerschüttert. Im nahen (und heidnischen) Römisch-Germanischen Museum fielen die Fundstücke aus den Vitrinen.
Nur ein paar Impressionen: die verputzte Innenwand eines römischen Wohnhauses mit einer Wandbemalung im Stil des 1. Jahrhunderts. Das Grab des Grafen Emundus, der 833 starb, als ein Symbol des ewig weitergehenden Baudranges: der Graf hatte sich seinen Sarkophag an der Kirchenmauer geschaffen und außerdem den Versuch unternommen, durch Immobilien-Schenkungen einen Garantieplatz im Himmelreich zu bekommen. Nichts da: man brauchte neue Pfeiler und schnitt dafür schnöde den Sarkophag an.
Die Zeiten begegnen sich da, wo ein 14 Meter tiefer Brunnenschacht ist. Dahinter sind Fundamentteile des Alten Doms. Eine große Treppe führt vom Alten Dom in den 1322 geweihten gotischen Chor. Als 1146 Erzbischof Rainald von Dassel die Gebeine der Heiligen drei Könige für Köln sicherte, war der Weg weiterer Herrlichkeit schon vorgezeichnet. Nahm aber erst Endformen an im Jahre 1842, wofür die Hälfte des Geldes aus der preußischen Staatskasse kam, die andere vom privaten Zentral-Dombau-Verein.
Ausgrabungen, selbst wenn man sie nicht selber macht, sondern nur andächtig bestaunt, machen durstig. Das hatte die Regie des Tages bereits bedacht durch Reservierung im steinwurfnahen „Gaffel am Dom“.
Das hieß mal „Alt-Köln“, wird nun von einem der großen Kölsch-Brauhäuser betrieben. Wer mal von seinem Kölsch-Glas aufschaute und die Wände studierte, der sah, was der Sammler-Fleiß von Gaffel-Chef Heinz Becker zusammentrug: die staunenswert umfassende Schau aller Bier-Werbung. Abwerbend für unser Hobby ist die Behauptung des muskelbepackten Mannes mit dem Riesenfass auf der Schulter und dem Spruch: „Der schönste Sport ist der Bier-tran-Sport“.
Bodo Pipping




