3. „Winter“-Aktivität
Wie Bonn so residiert
Es war an der Zeit, der Übermacht Kölns entgegen zu treten. Die technischen Wunder von DuMont Schauberg, der Kitzel, unter dem Dom herum zu laufen – alles schön und gut. Aber mit Dietmar Schulte hielt nun einer die Flagge Bonns hoch. So viele wollten Bonner Geschichte(n) mit kundiger Führung erwandern, dass Dietmar die Menge auf zwei Dienstage aufteilen musste. Durchaus uneigennützig versammelte er einen zweiten Trupp einen Tag nach Frühlingsbeginn mit den Worten: Bis nachher beim Bier!
Wir standen versammelt an der Stelle, an der Clemens August einen Traum hatte: hier will ich mit dem Nachen á la mode de Venedig von der Schlosskirche bis nach Poppelsdorf und zurück. Er hatte leider nicht mit der Gumme gerechnet, einem Nebenarm des Rheins, der alle Venedig-Träume aufschlürfte. Zurück blieb eine schöne Achse. Wir wandelten in Richtung Hofgarten.
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Die Welt lag im Argen wie wohl selten. Aber was machte unsere akademische Jugend? Lag in Verteilung wie arrangiert von einem Maler der Romantik auf der Wiese und hing, soweit nicht aneinander, am Smartphone. Es war schwierig, sich jenen Geist vorzustellen, der einst am 22. Oktober 1983 300tausend Menschen versammelte im Protest gegen die Logik von „wir haben die Bombe, der Frieden ist gerettet“ (der so genannte NATO-Doppelbeschluss). Verweht auch jene Massen, die hier gegen die Kernkraft protestierten.
Es war ein lauer Frühlingstag. In unbeschwerteren Tagen wäre der Fotoapparat eines Japaners ins Qualmen geraten. Was für eine grandiose Kulisse, diese Residenz der Kurfürsten, heute die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität (im Gegensatz zu der F.-W.-Universität Berlin). Alle Zerstörungen sind vergessen. Selbst das anatomische Institut geriet so schön, dass es zur Kunstakademie erhoben wurde. Wir schauten zurück in das weite Rund unter seinem fast mediterranen Himmel.
Alles begann einmal mit einer keltischen Siedlung namens Bonna (was schlicht „Dorf“ heißt). Daneben schufen die Römer ein Castellum ad Bonnam. Wo kann man die besten Überreste römischer Hochzivilisation sehen? Im Untergrund vor dem Albertinum (die Hypokausten-Heizung war uns noch gut erinnerlich aus dem Untergrund des Kölner Doms.)
Nur ein paar Streiflichter aus anekdotenreicher Führung: Warum „schäl Sick“? Als man mit Pferden die Boote gegen den Strom auf dem Treidelpfad schleppte, waren die Gäuler blendemfindlich gegen das Glitzern des Stroms. Man gab ihnen einseitig Scheuklappen, womit sie die falsche Seite nicht sehen mussten. Na ja…Und wie kam Wesseling zu seinem Namen? Da waren die durchnässten Taue, die „Linge“, zu „wesseln“… Die Brücke, die keiner in Beuel damals bezahlen wollte (das Brückenmännchen zeigt Bonn den Hintern): wenn wir ein altes Foto in Richtung Kennedy-Brücke halten, sehen wir, was ungeachtet nun schon wieder jahrelanger Erneuerung für immer verloren ging.
Napoleon war kurz und intensiv da, schuf ein Département „Rhin et Moselle“ mit Koblenz als Hauptstadt. Auf sein Geheiß mussten die Bonner mitten auf dem Marktplatz einen Brunnen bauen. Der Wiener Kongress schlug den Regierungsbezirk Köln den Preußen zu. 1887 wurde Bonn kreisfreie Stadt und hätte sich noch immer nicht träumen lassen, was ein Mann namens Konrad Adenauer einmal mit der „kleinen Stadt in Deutschland“ (John le Carré) vorhatte.
Die Tauben waren wie immer respektlos auf Bonns größtem Sohn, der vor dem wohl schönsten Postamt Deutschlands lautlos auf seinem Sockel stand. Wir waren zuvor auf der „Sternstraße“ (Fluch dem Kürzungswahn, es muss „Pisternen-Straße heißen, denn da waren sie alle einst, die Pisternas, die Bäckereien). Vor dem Münster (genauer: St. Martin, seit 1956 eine „Basilica minor“) lagen in Granit Florentius und Cassius, zwei römische Soldaten, die sich als Christen einst weigerten, gegen Glaubensbrüder zu kämpfen und hingerichtet wurden. Das Münster war ursprünglich eine Stiftskirche St. Cassius und Florentius.
Dietmar Schultes Bruch mit Köln bezog sich auch auf das Bier. Wir zogen in Bonns gebliebene bayerische Vertretung, in den Salvator, und genossen die Wonnen des Märzen-Biers. Dabei mag mancher dankbar zurück gedacht haben, mit welcher inneren Strategie wir per „Events“ den langen Winter überlebt haben, dank des Engagements Einzelner für die anderen. Nun aber wird es Zeit für den Kapitän: Auf die Brücke, Wolfgang! Es gilt eine neue Saison zu durchkreuzen!
Als der Chronist im sinkenden Licht den Rhein per Brücke überquerte (auf dem Hinweg hatte er mit seiner Frau eine Mini-Kreuzfahrt von Beuel aus per Fähre gemacht), da schimmerte der ferne Post-Tower so recht wie das Technik-Wunder, das er ist. Ach ja! Den haben wir auch schon einmal besichtigt. GCW-Senioren wissen und kennen eben mehr.

Bodo Pipping





